Berliner Kreis Kritische Phänomenologie und Fundamentalanthropologie
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„Der Naturalismus ist eine Folgeerscheinung der Entdeckung
der Natur, der Natur im Sinne einer Einheit des räumlich
zeitlichen Seins nach exakten Naturgesetzen."

- Edmund Husserl, Logos I -

 
 
 

Berliner Kreis "Kritische Phänomenologie und Fundamentalanthropologie"

Rezensionen

Rezensionen zu Artikeln oder veröffentlichten Büchern, die in Beziehung zur Thematik der Kritischen Phänomenologie und Fundamentalanthropologie stehen.

Rezension zu
Jürgen Wiebicke: Dürfen wir so bleiben, wie wir sind? Gegen die Perfektionierung des Menschen – eine philosophische Intervention
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2013
von Ilona Ibrahim, 10.01.2017

Was, wenn das, was bis eben noch als selbstverständlich galt, nur noch Fragen aufwirft? Dann, so Jürgen Wiebicke, Philosoph, freier Journalist und WDR5 Moderator des „Philosophischen Radios“, schlägt die Stunde der Ethik als philosophische Disziplin. Diese Stunde sieht er in der Zeit des globalen Kapitalismus und dem technologischen Fortschritt als gekommen. Mit der vorliegenden Publikation „Dürfen wir so bleiben, wie wir sind? Gegen die Perfektionierung des Menschen – eine philosophische Intervention“ will Wiebicke die mit dem Verlust vom selbstverständlich gewordenen Menschenbild einhergehenden ethischen Herausforderungen im Kontext der anthropologischen Frage: „Was ist der Mensch?“ diskutieren.

Seine philosophische Intervention hinsichtlich der Idee der Perfektionierung des Menschen leitet Wiebicke im Vorwort mit der provokanten These, die Würde des Menschen verliere ihre Unantastbarkeit, ein und bereitet den Leser damit auf die Diskussion von ein gesellschaftlich, wissenschaftlich und politisch sich verändernden Menschenbildes im posthumanen bzw. technizistischen Zeitalter vor. Ein Zeitalter, in dem sich laut Wiebicke die Philosophie und Ethikkommissionen, teilweise auch die Politik, ihre Agenda von den Naturwissenschaften diktieren lassen. Dabei wird von den Menschen die individuelle Autonomie, Kern der liberalen Ethik, zunehmend als erdrückendes Dogma erlebt, weil humanwissenschaftliche Optimierungsprogramme und der Leistungssteigerungszwang einer Konkurrenzgesellschaft implizit dazu auffordern sich stetig verbessern zu müssen, um mit der rasanten technologischen Entwicklung und dem „neuen Geist“ des Kapitalismus Schritt halten zu können.

Als Leser könnte man vermuten, dass das erste Kapitel mit dem Titel „Das Menschentier“ Aufschluss bzw. eine begriffliche Definition darüber gibt, was der Mensch nach Wiebickes Auffassung ist, sodass in den Folgekapiteln der Verlust von Selbstverständlichkeiten des Menschenbildes verständlich wird. Doch liegt in diesem Kapitel der Schwerpunkt auf der anthropologischen Differenz, also auf der Frage nach dem grundlegenden Unterschied zwischen Mensch und Tier, sodass es Wiebicke noch in diesem Kapitel gelingt zur Tierethik überzugehen, ohne aber selbst eine eindeutige Definition des Menschen anzubieten.

Welche Einflüsse die medizinisch technologische Entwicklung durch z.B. die Prädiagnostik oder aber auch die Transplantationsmedizin auf die gesellschaftlich veränderte Einstellung von Leben und Tod hat und wie sie die liberale Eugenik stärkt, wird im zweiten und dritten Kapitel („Der Kampf um den schönen Tod“; „Organe von Lebenden?“) anhand verschiedener, überwiegend philosophischer Perspektiven und verständlicher Beispiele erläutert. In diesem Zusammenhang wird auch die Frage aufgeworfen, ob der naturwissenschaftlich medizinische Begriff vom Tod eine selbstverständliche Berechtigung besitzt, um einen Menschen für Tod zu erklären oder aber ob er aufgrund des technologischen Fortschritts einer neuen Definition bedarf.

In „ Ethik als Etikett“, dem vierten Kapitel, zeigt Wiebicke dem Leser neben der Entwicklung und den Ursprungsgedanken einer Bioethik auch die Einflüsse der Pharmaindustrie hinsichtlich ethischer Fragen und die Bedeutung bioethischer Politikberatung auf. Darüber hinaus weist er auf unausweichliche Interessenkonflikte hin, sobald Unternehmen und Verbände auf ethische Legitimationen angewiesen sind, zumal sie entsprechende Ethikkommissionen ins Leben rufen.

Die eigentliche Thematik, die Idee der Perfektionierung des Menschen, die auf der Grundlage vom Menschen als Mängelwesen beruht, kommt in den Kapiteln fünf bis zehn zur Geltung und wird dort in Beziehung zum globalen Kapitalismus gesetzt. Ausgehend vom Doping im Sport und der Verabreichung von Psychopharmaka zur kognitiven Leistungssteigerung bis hin zur möglichen Sichtweise, dass das Altsein künftig medizinisch als Krankheit kategorisiert werden könnte, gelangt Wiebicke in kleinen induktiven Schritten zum großen Ganzen, dem „Projekt der Unsterblichkeit“ und der „Arbeit am Robo sapiens“. Wie viele andere Autoren die sich derzeit mit der Transhumanismusdebatte beschäftigen, kommt auch Wiebicke im Hauptteil seines Buches nicht um die Singularitätsidee von Ray Kurzweil und dem Silicon Valley herum. Die zentralen ethischen Fragen, die im Hauptteil gestellt werden, drehen sich um die Gerechtigkeit, denn, was geschieht mit den Personen, die in einer Leistungssteigerungsgesellschaft die angebotenen Optionen der Optimierungen nicht in Anspruch nehmen können oder auch nicht in Anspruch nehmen wollen und ab welchem Moment beginnt der gesellschaftliche Konformitätsdruck bzw. die gesellschaftliche Ausgrenzung?

Hinsichtlich der sich mehrenden Publikationen, in denen sich Autoren kritisch mit dem Drang zur Perfektionierung des Menschen und den Auswirkungen des globalen Kapitalismus befassen, darf und kann Wiebickes ethische Debatte hier als eine bereichernde Perspektive verstanden werden. Ganz im Sinne der vergleichenden Philosophie stellt er in allen Kapiteln die Argumente und Gegenargumente verschiedener Philosoph*innen gegenüber. Diese Vorgehensweise unterstützt zwar den Blick auf das Für und Wider der jeweiligen Ansichten, doch nimmt die sich aneinanderreihende Masse der Personennamen stellenweise solch ein Gewicht ein, dass das eigentliche Thema in den Hintergrund zu rücken scheint und damit das Lesevergnügen beeinträchtigt wird.

War es Wiebickes Anliegen, den Verlust vom selbstverständlich gewordenen Menschenbild im Zusammenhang mit der anthropologischen Frage: „Was ist der Mensch?“ ethisch zu diskutieren, dann ist ihm das leider nicht ganz gelungen. Denn was der Mensch und welches explizit das aktuelle Menschenbild ist, bleibt der Interpretation des Lesers überlassen. Positiv gilt jedoch anzumerken, dass er im Rahmen des epochalen Wandels relevante ethischen Herausforderungen herausarbeitet. Denn dass wir uns in einem epochalen Wandel befinden und damit auch eine Umwertung der bisher gültigen Werte einhergeht und Begriffe neu definiert werden, lässt sich wohl kaum mehr bezweifeln. Daher zeigt Wiebicke zurecht auf, welche Bedeutung die Ethik aktuell einnimmt, da sie sich mit der Frage beschäftigt, was ein gutes Leben ausmacht. Dabei lautet Wiebickes Appell an den Leser, ganz im Sinne des Liberalismus, dass ein jeder sich selbst die Antwort auf die Frage nach dem guten Leben geben muss und folglich auch das Ausschlagen von Optimierungsangeboten eine kluge Entscheidung sein kann.

Wird im Buch von Wiebicke „Dürfen wir so bleiben, wie wir sind? Gegen die Perfektionierung des Menschen – eine philosophische Intervention“ zwar ein Literatur- und Quellenverzeichnis zur weiteren Recherche vermisst, ist es dennoch Lesern auch ohne philosophische Vorkenntnisse zu empfehlen. Denn die hier aufgezeigten unterschiedlichen Sichtweisen auf die Thematik der Selbstoptimierung sind nicht nur zum besseren Verständnis behilflich, sondern auch in der eigenen Entscheidung, wie weit man selbst zur Optimierung bereit ist und ob sie zu einem guten Leben beisteuert – oder aber nicht.

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