Berliner Kreis Kritische Phänomenologie und Fundamentalanthropologie
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„Der Naturalismus ist eine Folgeerscheinung der Entdeckung
der Natur, der Natur im Sinne einer Einheit des räumlich
zeitlichen Seins nach exakten Naturgesetzen."

- Edmund Husserl, Logos I -

 
 
 

Berliner Kreis "Kritische Phänomenologie und Fundamentalanthropologie"

Rezensionen

Rezensionen zu Artikeln oder veröffentlichten Büchern, die in Beziehung zur Thematik der Kritischen Phänomenologie und Fundamentalanthropologie stehen.

Rezension zu
Felix Hasler: Neuromythologie. Eine Streitschrift gegen die Deutungsmacht der Hirnfoschung
Transcript Verlag, Bielefeld 2012, 5. unveränderte Auflage 2015
von Ilona Ibrahim, 30.05.2016

Der Pharmakologe und Wissenschaftsjournalist Felix Hasler, geboren 1965, seit 2010 Forschungsassistent an der Berlin School of Mind and Brain der Humboldt-Universität zu Berlin, forschte von 2000 – 2010 in der Arbeitsgruppe „Neuropsychopharmacology und Brain Imaging“ an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich zur Wirkung halluzinogener Substanzen. Hasler teilte zunächst die aktuellen Ansätze der Neurowissenschaften und der biologischen Psychiatrie, wonach es lediglich der Erforschung des menschlichen Gehirns bedarf, um das Wesen des Menschen zu verstehen. In etlichen wissenschaftliche Publikationen und journalistischen Artikeln trug er zur Verbreitung der Forschungsergebnisse bei. Mit der vorliegenden Abhandlung „Neuromythologie. Eine Streitschrift gegen die Deutungsmacht der Hirnforschung“ widerspricht Hasler nun seiner ehemaligen Position mit Nachdruck und plädiert eindrücklich für eine kritische Auseinandersetzung mit der eindimensionalen Betrachtungsweise des Menschen.

Welche Einflüsse Neuropsychopharmakologie-Kongresse, die pharmazeutische Industrie und die mediale Darstellung neurowissenschaftlicher Erkenntnisse auf sein Umdenken hatten, erläutert Hasler in der Vorbemerkung zur genannten Monographie. Auch wird in der Vorbemerkung eine kurze historische Darstellung des 'Siegeszuges' der Neurowissenschaften, der 1990 mit der Verkündung der 'Dekade des Gehirns' durch den damaligen US-Präsidenten George Bush begann, gegeben.

Die ersten vier Kapiteln widmet Hasler der Darstellung des aktuellen Forschungsstands der Neurowissenschaften und der sich an sie anlehnenden Disziplinen sowie den damit einhergehenden Kontroversen. Das fünfte Kapitel behandelt die zuvor aufgeworfene Frage, ob materialistische, mechanistische und reduktionistische Annahmen ausreichen, um den höchsten wissenschaftlichen Ansatz einer jeden Forschungseinrichtung zu gewährleisten und betrachtet kritisch ihre möglichen Lösungen für die Vielzahl der Probleme, die unser Menschsein betreffen. In den Kapitel sechs bis neun bezieht Hasler seine Fragen und Kritik auf die Optimierungsdebatte kognitiver Fähigkeiten wie auch auf die Debatte um die Willensfreiheit. In diesem Kontext erörtert er mögliche Entwicklungen hinsichtlich der Strafgesetzgebung. Die Streitschrift endet mit dem vorrangig an (Neuro-)Wissenschaftler gerichteten Appell, den Menschen nicht nur auf seine neuronalen Verschaltungen, Transmittern und Synapsen zu reduzieren, sondern ihn in seiner Ganzheit zu betrachten.

Das zweite Kapitel, „Neuro-Evidenzmaschinen. Bildgebende Verfahren in der Kritik“, nimmt in der Vorbereitung auf den Themenschwerpunkt einen herausragenden Stellenwert ein, da es die in der Hirnforschung so bedeutende Technologie des Messverfahrens von Hirnaktivitäten (fMRT-bildgebende Verfahren) erläutert. „Die Grundannahme der fMRT besagt, dass das Gehirn dort aktiv ist, wo mehr Durchblutung stattfindet, beziehungsweise mehr Sauerstoff verbraucht wird. [...] Sie [die fMRT-Bilder] sind somit nichts anderes als anschaulich aufbereitete grafische Darstellungen der statistischen Verteilung von zeitabhängigem Blutfluss und Sauerstoffbedarf im Gehirn“.(42f.) Die Interpretation solcher Bilder ist aber weiterhin vom Menschen abhängig. Weder gibt es im Neuroimaging-Bereich Regulierungsbehörden noch allgemeingültige fachbezogene Regeln, so dass Interpretationen von fMRT-Bildern einer scheinbaren Willkür unterliegen. Hasler sieht hier einen dringend notwendigen Bedarf an Regulierungen, damit Erkenntniswerte bildgebender Verfahren auf eine Richtigkeit hin überprüft werden können.

Im Hauptteil „Neuro-Reduktionismus, Neuro-Manipulation und das Verkaufen von Krankheit“ legt Hasler das Augenmerk neben einer historischen Darstellung der Entwicklung der Psychiatrie und Psychotherapie, ihrer Behandlungsmethoden und der Verbindung zur Pharmaindustrie hauptsächlich auf marktgängige Antidepressiva, ihre Zusammensetzungen, Wirkungen und Nebenwirkungen, wie auch auf ihre Zulassungsbedingungen. In diesem Zusammenhang konfrontiert Hasler den Leser mit der Frage, worin der Unterschied zwischen Drogen und Psychopharmaka liegt. Wie im zweiten Kapitel gelingt es Hasler auch hier, selbst dem fachfremden Leser die Thematik rund um psychische Erkrankungen, deren Reduzierung auf das Gehirn und die damit verbundene Medikation mit chemischen Substanzen verständlich zu erläutern. So gewinnt der Leser zum Beispiel ein tiefergehendes Verständnis der Diskussion um Serotoninmangel bei depressiv erkrankten Personen und deren Behandlung mit SSRI-Antidepressiva, aber auch eine differenzierte Einschätzung des stimulierenden Wirkstoffs „Ritalin“, der hauptsächlich als medikamentöse Therapie bei Aufmerksamkeitsdefiziten verschrieben wird. Es ist Haslers großer Vertrautheit sowie souveränem Umgang mit den komplizierten Fakten zu verdanken, dass der Leser trotz oder gerade wegen der zahlreichen Beispiele und des 96 Seiten starken Umfangs dieses fünftem Kapitels weder die Übersicht noch das Interesse am Thema verliert.

So überzeugend die inhaltlichen Ausführungen des Autors in fachlicher Hinsicht sind, die Konzeption vor allem des zweiten Teil des Buches hätte eine Korrektur nötig, denn nach der umfangreichen, sich über mehrere Kapitel erstreckenden Einführung und des hochinformativen, spannenden Hauptteils wirken die nur wenige Ergänzungen beinhaltenden letzten Kapitel des Buches wie eine ermüdende Wiederholung des zuvor bereits Dargelegten. Die Argumentation hier hätte erheblich an Stringenz gewonnen, wenn der Autor die Kapitel sechs bis neun, die vom Hirndoping über die Willensfreiheit hin zum Einsatz von Hirn-Scannern im Gerichtssaal gehen, zusammengefasst hätte. Zudem fehlt ein gut ausgearbeitetes Register, das dem Leser die gezielte Suche nach Stichworten, Themen und Personen ermöglichen würde. Positiv hervorzuheben ist jedoch, dass Hasler seine Ausführungen, Erklärungen, Beispiele und seine Kritiken anhand von öffentlich zugänglichen Quellen stützt, die im Literatur- und Quellenverzeichnis hinterlegt sind.

Der von Hasler gewählte Titel „Neuromythologie. Eine Streitschrift gegen die Deutungsmacht der Hirnforschung“ gibt explizit das wieder, was der Autor mit seinem Buch beabsichtigt. Es geht absolut nicht um die Diffamierung der Neurowissenschaften und ihrer Erkenntnisse, im Gegenteil. Denn Hasler unterscheidet deutlich zwischen den wissenschaftlichen Erkenntnissen der Hirnforschung und deren euphorisch mediale Darstellung. Er unterscheidet zudem auch sehr genau zwischen den wissenschaftlichen Erkenntnissen und den Interessen der Pharmaindustrie. So übt der Autor Kritik hauptsächlich daran, was von Journalisten und durch die Pharmaindustrie von den Wissenschaftserkenntnissen der Hirnforschung herausgefiltert und vereinfacht, manchmal auch fälschlich dargestellt wird, so dass der Mensch schließlich nur noch auf seine Gehirntätigkeit reduziert wird.

Das Buch Haslers „Neuromythologie. Eine Streitschrift gegen die Deutungsmacht der Hirnforschung“ ist nicht nur interessierten Lesern ohne Vorkenntnissen zu empfehlen, sondern auch Wissenschaftlern unterschiedlicher Disziplinen, die ein Interesse an der Hirnforschung haben und deren Ergebnisse in ihre eigenen Forschungen einbeziehen wollen, aber auch Neurowissenschaftlern, die den Umgang mit den Forschungsergebnissen der Hirnforschung noch nicht ausreichend kritisch betrachten, sei diese Streitschrift im Kant'schen Sinne empfohlen:
1. Selbst denken, 2. sich an die Stelle jedes anderen setzen (d.h. selbstkritisch denken), 3. Widerspruchsfrei denken.

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