Berliner Kreis Kritische Phänomenologie und Fundamentalanthropologie
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„Der Naturalismus ist eine Folgeerscheinung der Entdeckung
der Natur, der Natur im Sinne einer Einheit des räumlich
zeitlichen Seins nach exakten Naturgesetzen."

- Edmund Husserl, Logos I -

 
 
 

Berliner Kreis "Kritische Phänomenologie und Fundamentalanthropologie"

Rezensionen

Rezensionen zu Artikeln oder veröffentlichten Büchern, die in Beziehung zur Thematik der Kritischen Phänomenologie und Fundamentalanthropologie stehen.

Rezension zu
David Gelernter: Gezeiten des Geistes. Die Vermessung unseres Bewusstseins
Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2016
von Ilona Ibrahim, 18.04.2016

David Gelernter, geboren 1955, US-amerikanischer Informatiker und Kulturjournalist, entwickelte Ende der 1980er bis Anfang der 1990er Jahre als Informatikprofessor an der Yale-Universität eine Online-Beratungs-Software. Diese sollte nicht nur wie ein Mensch handeln, sondern zudem wie ein Mensch in Tagträume und freie Assoziationen abschweifen und dabei den User des Programms ignorieren können. Diese Idee ließ sich jedoch nicht vollständig umsetzen und der für Gelernter unbefriedigende Ausgang machte ihm deutlich, dass er seine eigene Theorie noch einmal überdenken müsse. Das Ergebnis seines neuen Denkansatzes stellt er in seinem Buch „Gezeiten des Geistes. Die Vermessung unseres Bewusstseins“ vor.

Der Autor nutzt das Vorwort, um sich und die Entwicklung seiner Faszination für die Computertechnik einem breiten Publikum vorzustellen. Darüber hinaus wird der Leser kurz über die Geschichte der angewandten KI (Künstliche Intelligenz) sowie deren Befürworter und Kritiker informiert. Schon hier wird deutlich, dass Gelernter seine Theorie des Geistes als radikale Gegenposition zur Computertheorie des Geistes verstanden wissen will.

Ausgehend von seiner praktischen Erfahrung, dass einer Software das für den Menschen typische Auf und Ab der Konzentration unmöglich sei, konstruiert Gelernter in den ersten vier Kapiteln des Gesamtwerkes („Die Gezeiten des Geistes“, „Die drei Drittel des Spektrums“, „Von Tag zu Tag“ und „Eine Landkarte“) sein Gegenmodell und arbeitet es im Hauptteil entsprechend der Wanderung des Geistes durch unterschiedliche Bewusstseinsebenen aus. Diese unterschiedlichen Bewusstseinsebenen stellen für Gelernter das Spektrum des Geistes dar. Entsprechend lauten auch die drei Hauptkapitel: „Spektrum, oberes Drittel: Abstraktion“; „Spektrum, mittleres Drittel: Kreativität“ und „Spektrum, unteres Drittel: Abstieg in die verlorene Zeit“. Den Abschluss des Buches bildet das Kapitel „Wohin führt das alles?“, in welchem auch mögliche Konsequenzen und Entwicklungen hinsichtlich der Optimierung des Menschen durch den Computer aufgezeigt werden. Im Fazit fasst Gelernter die Gezeiten im Spektrum des Geistes noch einmal zusammen.

Gelernter unterteilt den Geist in einen bewussten und einen unbewussten Teil. In dem steten Auf und Ab unserer Konzentrationsleistungen, also vom Wach- zum Schlafzustand und zurück, bewegen wir uns ständig zwischen diesen beiden Teilen des Geistes hin und her. Diese subjektiv erlebten Übergänge stellen für Gelernter Qualitäten unseres Bewusstseins dar. Auch im Bewusstsein unterscheidet Gelernter zwei Bereiche, den inneren und den äußeren. Der bewusste Geist im oberen Teil des Spektrums und das äußere Bewusstsein hängen ebenso zusammen wie der unbewusste Geist im unteren Teil des Spektrums mit dem inneren Bewusstsein.

Da für Gelernter rationales Denken für Rechnen und das Befolgen von Regeln zuständig ist, kann es von einer Software imitiert werden. Der Fehler, den nach Gelernters Auffassung die Anhänger der Computertheorie des Geistes begehen, besteht darin, dass sie den Geist im oberen Teil des Spektrums mit dem vollständigen Geist gleichsetzen und so zu dem weit verbreiteten Fehlschluss gelangen, dass sich der Geist zum Gehirn verhalte wie die Software zur Hardware. Da sich nach Gelernter der Geist aber stets auf unvorhersehbare Weise wandelt und wir dadurch fortlaufend vom mentalen Agieren zum mentalen Sein wechseln, müssen nach Gelernter auch die Gefühle als subjektive Erlebnisinhalte eines bestimmten geistigen Zustandes berücksichtigt werden. „Die beiden Hauptgegebenheiten des menschlichen Geistes sind das Handeln und das Sein; was der Geist tut und wie er ist. […] Die erste Säule ist das geistige Handeln – damit ist im weitesten Sinne die absichtliche Beeinflussung bewusster mentaler Zustände gemeint, das Nachdenken oder die Reflexion. Die zweite Säule, das geistige Sein, bilden Empfindungen und Gefühle, und zwar körperliche oder mentale Gefühle. Wenn wir im Spektrum abwärts gleiten, wandert unser mentaler Schwerpunkt vom Handeln zum Sein. Vom Nachdenken zum Empfinden und Fühlen.“ (62) Der vollständige Geist umfasse daher die mentalen Zustände im Spektrum zwischen Denken und Fühlen bzw. Tun und Sein, weshalb die Computertheorie des Geistes nicht aufgehen könne. Gelernter kommt somit zu dem Schluss, dass Gefühle in die Untersuchungen des Geistes miteinbezogen werden müssen.

In Anbetracht der gegenwärtigen Enhancement-Debatten und der Forderung nach zunehmender Selbstoptimierung erscheinen Gelernters „Gezeiten des Geistes“ zur rechten Zeit, da der Autor eine Computertheorie des Geistes kritisch beleuchtet, die weder das subjektive Erleben noch die praktische Lebenswelt in ihre Überlegungen miteinbezieht. Demgegenüber ist Gelernter bemüht, seinen Forschungsgegenstand auf eine möglichst umfassende Weise zu betrachten, indem er den Versuch unternimmt auch auf Argumente der psychoanalytischen Theorie sowie der Phänomenologie zurückzugreifen.

Und doch scheint er sich nur schwer vom Denken der KI-Forschung ablösen zu können, wie seine Terminoligie offenbart: So bezeichnet er zum Beispiel das Gedächtnis als „Speicher“ und spricht von der „Datenbank der Erinnerungen und Informationen“, die vom Geist nur abgerufen werden müssten. Bedauerlich ist zudem Gelernters letztlich unstrukturierte Darstellung seiner eigenen Theorie des Geistes sowie seine begriffliche Unschärfe. So ermangeln z.B. die zentralen Begriffe des Bewusstseins und des Geistes bis zum Ende des Buches einer eindeutigen Definition, wodurch der Eindruck einer nur oberflächlichen Beschäftigung mit und unzureichenden Abgrenzung von den anderen von Gelernter herangezogenen Wissenschaften entsteht.

Aufgrund der dargelegten begrifflichen und konzeptionellen Mängel kann hier keine uneingeschränkte Leseempfehlung für Gelernters Buch „Gezeiten des Geistes. Die Vermessung unseres Bewusstseins“ gegeben werden. Zwar ermöglicht ein übersichtliches Literaturverzeichnis sowie ein nach Stichworten, Themen und Personen gut ausgearbeitetes Register dem Leser eine schnelle Orientierung bei der weiteren Beschäftigung mit dem Thema, doch inhaltlich hält der Autor nicht das, was der Interesse weckende Titel und das aufwändig gestaltete Cover des Buches versprechen.

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