Berliner Kreis Kritische Phänomenologie und Fundamentalanthropologie
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„Der Naturalismus ist eine Folgeerscheinung der Entdeckung
der Natur, der Natur im Sinne einer Einheit des räumlich
zeitlichen Seins nach exakten Naturgesetzen."

- Edmund Husserl, Logos I -

 
 
 

Berliner Kreis "Kritische Phänomenologie und Fundamentalanthropologie"

Rezensionen

Rezensionen zu Artikeln oder veröffentlichten Büchern, die in Beziehung zur Thematik der Kritischen Phänomenologie und Fundamentalanthropologie stehen.

Rezension zu
Andreas Heinz: Der Begriff der Psychischen Krankheit
Suhrkamp Verlag, Berlin 2014
von Andreas Harrasser, 21.08.2015

Der Arzt und Psychiater Andreas Heinz steht mit seinem Werk „Der Begriff der psychischen Krankheit“ ganz in der Tradition des philosophischen Nachdenkens über die Schwelle zwischen Gesundheit und Krankheit, und reiht sich damit ein in dieselbe Linie, in der etwa ein Michel Foucault mit Wahnsinn und Gesellschaft zu finden ist. Andreas Heinz unternimmt einen weiteren Versuch die genaue Schwelle, an welcher die Gesundheit in den Zustand der Krankheit übergeht, anhand differenzierter Kriterien zu bestimmen, wobei er sich um eine Vielzahl an Perspektivwechseln bemüht.

Bei der literarischen Umsetzung seiner Intention, den Übergang von der Gesundheit zur Krankheit dingfest zu machen, entstehen insofern erhebliche Probleme, als es objektive Kriterien nicht gibt, und bei psychischen Erkrankungen möglicherweise auch gar nicht geben kann, subjektive Kriterien aber zu keinerlei objektivierbaren Lösung führen können. Seine Vorschläge zu einer Lösung kulminieren letztlich in einer Zusammenführung der in der internationalen Diskussion bereits sattsam bekannten Trias von „disease, illness und sickness“ mit den beiden Anthropologien Plessners und Kants zu vereinen. Die drei Aspekte Außenwelt, Innenwelt und Mitwelt würden dann zu voneinander nicht zu trennenden Aspekten psychischen Krank- bzw. Gesundseins. Auch ein weiterer Vorschlag, nämlich den Begriff der Krankheit auf die Bedrohung lebenswichtiger bzw. „wesentlicher“ Organfunktionen bzw. generell „menschlicher“ Funktionen zu beschränken, kann zur Erhellung des Grenzbereichs von Gesundheit und Krankheit keinen wesentlichen Beitrag leisten. Was den Bereich der psychischen Störungen anbetrifft, so entspräche dies der klassischen Unterscheidung von endogenen und exogenen Psychosen, wobei der Bereich der Süchte und der körperlichen Erkrankungen noch hinzu käme.

Rein theoretisch reduzierte sich dadurch zwar die Zahl der Erkrankungen erheblich, wobei sich einerseits für die subjektiven Problematiken keine neuen Lösungsansätze ergeben, sondern vielmehr die nunmehr „nicht-mehr-Patienten“ alleingelassen würden, In der Praxis hieße das, dass der behandelnde Arzt mit dem Patienten ohne Krankheitseinsicht vor dem selben Dilemma stünde wie bisher, allerdings mit der zusätzlichen Schwierigkeit, dass der Patient laut neuer Definition gar kein Patient mehr wäre. Wie dieser Umgang dann zu denken wäre, das wird durch die von Andreas Heinz erarbeiteten „Minimalkriterien“ aus dem philosophischen Unterbau nicht klarer.

Wann genau eine psychologische Krankheit vorliegt, das scheint erst dann deutlich zu werden, wenn es zu einem Konfliktfall kommt, wenn also die Unterlassung einer Behandlung zum Tode führen würde.

Letztlich wird auch in diesem Werk klar, dass es im Wesentlichen um den Mammon geht, und nicht um das abstrakte Wohl des Patienten. Die Definition von krank und gesund entscheidet, was über die verschiedenen internationalen ICD Klassifikationen Eingang in die Finanzierungskataloge der Krankenkassen des Gesundheitssystems findet, und was eben nicht.


Fazit:
Ein zwar sehr lesenswertes Buch, dessen Inhalt aber eher psychologisch/medizinisch und soziologisch geprägt ist, denn philosophisch. Wen das nicht stört, oder wer sich gerne in eine sehr praxisnahe Variante von Kant und Plessner zum ersten Einarbeiten vertiefen möchte, der ist mit diesem Buch gut bedient. Ein Kauf, der sich in jedem Fall lohnt.

Weiterführendes:
Klassifikationen von Krankheiten (historisch)
Foucault, Michel
Wahnsinn und Gesellschaft,
Suhrkamp, Frankfurt am Main 1973

Mitwelt, Außenwelt
Meyer-Abich, K.M.
Was es bedeutet, gesund zu sein
Carl Hanser Verlag, München 2010

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