Berliner Kreis Kritische Phänomenologie und Fundamentalanthropologie
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„Der Naturalismus ist eine Folgeerscheinung der Entdeckung
der Natur, der Natur im Sinne einer Einheit des räumlich
zeitlichen Seins nach exakten Naturgesetzen."

- Edmund Husserl, Logos I -

 
 
 

Berliner Kreis "Kritische Phänomenologie und Fundamentalanthropologie"

Rezensionen

Rezensionen zu Artikeln oder veröffentlichten Büchern, die in Beziehung zur Thematik der Kritischen Phänomenologie und Fundamentalanthropologie stehen.

Rezension zu
Sascha Dickel: Enhancement-Utopien - Soziologische Analysen zur Konstruktion des neuen Menschen
Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 2011
von Andreas Harrasser, 10.06.2015

In dem aus seiner an der Universität Bielefeld angenommenen Dissertation hervorgegangenen Werk Enhancement-Utopien beschäftigt sich Sascha Dickel mit der gegenwärtigen Funktionalität sogenannter Enhancement-Utopien. Dabei legt er ausdrücklich Wert darauf, dass er keinerlei Prognostik betreiben möchte. Konsequenterweise finden sich auch keine Aussagen darüber, ob die Realisierung bestimmter Enhancements nun letztlich wünschenswert wäre, oder ob deren Realisierung eher zu Befürchtungen Anlass gäbe. Zunächst beschäftigt sich Dickel mit der Entwicklung einer wissenschaftssoziologischen Fundierung seiner eigenen Utopie-Konzeption(S.26), weil eine solche Utopie-Konzeption in der aktuellen soziologischen Theorieentwicklung noch nicht zur Verfügung steht. Derartige Theorien fänden sich, so der Autor, eher in den philosophischen Debatten, die im Rahmen der Bioethik geführt würden. Darum allerdings geht es Dickel gerade eben nicht, sondern er strebt nach einer eigentlich soziologischen Variante der Utopie-Konzeption. Als deren zentrale Prämisse nimmt er an, dass ihre Analyse dieses utopischen Denkens immer Rückschlüsse auf genau jene gesellschaftlichen Strukturen zulässt, aus denen es stammt. In diesen Utopien kommt zum Ausdruck, was in den jeweiligen gesellschaftlichen Strukturen neben der aktuellen Wirklichkeit auch vollkommen anders gedacht werden kann, entweder als eine Möglichkeit, oder doch zumindest als erstrebenswertes Ziel. Somit, so Dickel weiter, handele es sich bei Utopien um eine Form des sozialen Wissens, eine Art der Beobachtung und der Deutung einer Gesellschaft, und deswegen sei die Soziologie des Utopischen immer ein wissenssoziologisches Vorhaben (S.29 f.). Doch welchen Anspruch hatte die Wissenssoziologie ursprünglich? Eigentlich sollte sie durch die Offenlegung der sozialen Determinanten des Denkens eine wertfreie Weltanschauungsforschung möglich machen. Diesen Anspruch allerdings konnte sie letztlich nicht einlösen, da es ihr nicht gelang, einen standortungebundenen Status für sich selbst zu beanspruchen, so dass es zu einem performativen Selbstwiderspruch kam. Deswegen können Utopien als ganz spezifische Kommunikationsformen betrachtet werden, deren Position außerhalb der aktuellen gesellschaftlichen Realität liegt. Von diesem Standpunkt aus wäre dann, so Dickel weiter, „Ideologiekritik“ möglich, was er als „Sozialdimension“ bezeichnet. Neben dieser Dimension der utopischen Semantik erwähnt er noch die zeitliche Dimension als Semantik der Hoffnung und die Sachdimension als Konstruktion alternativer Möglichkeiten. (S. 47 ff.). Im dritten Kapitel steht die Sozialutopie paradigmatisch für die moderne Utopie, die wiederum in Heilserwartungen, Raumutopien und Zeitutopien aufgegliedert wird. Im Anschluss konstatiert der Autor eine „Krise des Utopischen“ (S.115), da er der These vom „Ende des Utopischen“ nicht in vollem Umfang folgen möchte.

Den tatsächlichen Gegenstand der Forschung umreißt Dickel im fünften Kapitel (S.131 – S.150). Als Arbeitshypothese wird eine reine Abgrenzung bzw. ein Abgrenzungskriterium zu anderen Enhancement Theorien formuliert. Dabei wird als entscheidende Differenz herausgestellt, das es sich bei Enhancement Praktiken um eine Veränderung bzw. um eine Verschiebung des Normalzustandes handelt, und nicht etwa um die Wiederherstellung eines bereits vorher vorhandenen – und somit lediglich zwischenzeitig abhanden gekommenen gesundheitlichen Normalzustandes. Den Enhancement Praktiken gehen also weder die Identifikation eines möglicherweise pathologischen Problems voraus, noch können/dürfen sie selbst als Therapie irgendeines solche Problems verstanden werden. (S:132 f.) Sie können damit nicht in das System der medizinischen Praktiken eingeordnet werden, da es nicht um die Aufrechterhaltung eines bestimmten gesundheitlichen Zustandes bzw. dessen Wiederherstellung geht, sondern bestenfalls um die Optimierung eines Normalzustandes. Da diese Vorgehensweise vom sonst verwendeten Schema Krankheit/Gesundheit abweicht, wird es eine natürliche Grenze im Sinne einer Sättigung bzw. einer Erreichung eines Zieles nie geben können. Eine Steigerung ist nunmehr scheinbar stets möglich. Der Optimierung des Menschen scheinen keinerlei Grenzen mehr gesetzt zu sein, sei es in der Ausprägung der Selbstoptimierung, oder in der Ausprägung einer Optimierung von Außen.

Der Schwerpunkt von Dickels Beschäftigung mit den Enhancement Praktiken liegt allerdings nicht auf den aktuellen Praktiken, sondern auf der Kommunikation von Enhancement Utopien. Die Thematisierung künftiger Möglichkeiten und Enhancement als Gegenstand der Hoffnung sind der Fokus der Betrachtung an dieser Stelle. Dickel macht das subjektive Wünschen des jeweiligen Autors zur Bedingung.

Im sechsten Kapitel handelt Dickel den Konflikt von Humanismus und Darwinismus anhand einiger von ihm ausgewählter Texte u.a. von Alfred Ploetz, Valerian Muravév, Robert Ettinger und Jonathan Glover ab, deren Themen beispielsweise auch die Möglichkeit ewigen Lebens durch Kryotechnik, oder etwa die Chance zu individueller Selbstgestaltung mittels Technik mit umfassen. Dabei legt er die unterschiedlichsten Positionen von Enhancement Utopien dar, sei es die kollektive Eugenik, den Kosmismus, die liberale Eugenik oder den Transhumanismus.

Die Ergebnisse des sechsten Kapitels werden im siebten Kapitel gegen einander abgewogen. Im Anschluss skizziert Dickel noch konzise einige offene Forschungsfragen. Im Rahmen dessen konstatiert Dickel ein Spannungsverhältnis zwischen dem Enhancement Utopismus und der Evolution. Die Gegenwart wird dabei stets als eine große Zeitenwende wahr genommen, bei der der Mensch nun zum alleinigen Agenten der Evolution wird. Dabei wird der Mensch nicht mehr als ein soziales Wesen gedacht, sondern rein als ein biologisches Wesen, als biologische Maschine. Allerdings sieht Dickel durchaus einen sozialen Sinn hinter jeder Enhancement Utopie, den er „... im öffentlichen Protest gegen die Natur ...“ (S.292) sieht. „Die Natur nimmt dabei diejenige Position ein, welche in der Sozialutopie den gesellschaftlichen Verhältnissen zugeschrieben wurde. Die Bedrohung des Lebens wird nicht mehr als unabwendbare Gefahr betrachtet, sondern als vermeidbares Risiko begriffen.“(S.292) Der Enhancement Utopismus ist aufgrund dieses Konstruktionsschemas äußerst variabel, da die Grenze die menschliche Imaginationsfähigkeit bezüglich neuer Techniken zu sein scheint. „Die gleiche Flexibilität weisen solche Utopien in moralischer Hinsicht auf. Die moralische Disqualifizierung kollektiver Menschenverbesserung und die Aufwertung individueller Erlebnisorientierung wurden in modernen Enhancement Utopien aufgegriffen, ohne dass der semantische Kern transformiert werden musste. Daher ist dieser Utopismus in seinem Kern gegen kognitive und normative Enttäuschungen immun.“(S.298)


Fazit:
Ein sehr interessantes Buch für alle, die soziologisch an das Thema herangehen möchten. Man sollte sich allerdings bereits gut in das Thema eingearbeitet haben, um wirklich in den vollen Genuss des nicht ganz billigen Werks zu kommen. Für alle, die sich mehr für den Bereich Bioethik interessieren, lohnt sich ein Kauf eher weniger.

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