Berliner Kreis Kritische Phänomenologie und Fundamentalanthropologie
Berliner Kreis Kritische Phänomenologie und Fundamentalanthropologie
 
Berliner Kreis Kritische Phänomenologie und Fundamentalanthropologie  

"Kant liebte es zu sagen, man könne nicht Philosophie,
nur Philosophieren lernen. Was ist das anderes als ein Eingeständnis der Unwissenschaftlichkeit der Philosophie."

- Edmund Husserl, Logos I -

 
 
 

Berliner Kreis "Kritische Phänomenologie und Fundamentalanthropologie"

Philosophische Grundlagen - Menschsein

Eine genauere Analyse zeigt, dass der Mensch mehr als Gehirn bzw. Körper und Geist ist. Das Menschsein im vollen Sinne umfasst vielmehr sechs Aspekte (die sog. „Anthropoialien“):
1. Erleben (Anschauung)
2. Ich (Subjekt des Subjekts)
3. Geistigkeit (Urteilen, Imaginieren, ‚Welt‘ als Verweisungszusammenhang etc.)
4. Leib
5. Körper
6. Umwelt (so wie sie anschaulich gegeben ist)

Nur solche Wesen, die diese sechs Momente aufweisen oder zumindest das Potential haben, diese sechs Momente auszubilden, sind aus begrifflichen Gründen Menschen. Welche Wesen aber tatsächlich unter diesen philosophischen Begriff des Menschen fallen, wäre eine empirisch zu beantwortende Frage. Es dürfte somit a priori nicht entscheidbar sein, ob nur unsere Spezies diese Kriterien erfüllt oder auch noch unbekannte andere. Da es sich bei den sechs Anthropoialien um Aspekte oder Momente (und nicht um potentiell selbständige Elemente) handelt, die zudem dynamisch zusammenspielen und das Menschsein als Leben und Vollzug ermöglichen, heißt dieses Arrangement (in Anlehnung an die Performance eines Musikstückes) auch „anthropologisches Sextett“. Der Mensch ist jedenfalls nicht nur als räumlich-synchrone, sondern auch als a priori diachrone Einheit zu betrachten, die – wie Heidegger in Sein und Zeit gezeigt hat – letztlich auch durch die (durch die anthropoiale Strukturdynamik ermöglichte) Sorgestruktur gewährleistet wird.

Im Unterschied zu gängigen Bestimmungen des Menschseins (die den Menschen vor allem als geistbegabtes Lebewesen denkt) betont die Fundamentalanthropologie (im Anschluss an Kants Transzendentale Ästhetik), dass der Mensch kein bloßes Etwas (Organismus, animal) in der Welt, sondern grundlegender: das Subjekt der Umwelt ist. Das heißt, die jeweils anschauliche Umwelt ist Teil seines Erlebens und damit Teil seines Seins. Daraus folgt auch, dass die Lebenswelt keine neuronale oder neuronal hervorgebrachte mentale Repräsentation im Gehirn darstellt, sondern das Korrelat leiblicher Wahrnehmungsvollzüge. Die Fundamentalanthropologie versteht den Mensch folglich nicht nur als mundanes, sondern auch und grundsätzlicher als transzendentales Subjekt. Als das ist es die Sphäre der Gegebenheit von Selbst, Umwelt und anderen menschlichen und nichtmenschlichen Subjekten. Auch der eigene Körper stellt eine Gegebenheit der transzendentalen Sphäre dar, insofern er anschaulich erfahrbar ist.

In guter phänomenologischer Tradition unterscheidet die Fundamentalanthropologie zwischen Leib und Körper und versucht deren Verhältnis zu bestimmen: Sie vertritt dabei weder einen Leib-Körper-Dualismus (Schmitz) noch eine strenge oder ambige Identitätstheorie (Scheler, z.T. Husserl, Merleau-Ponty), sondern versteht beide Momente als Momente einer höheren Einheit, des Leibs im weiteren Sinne. Dabei verhalten sich Leib und Körper wie Bedingung und Bedingtes, Konstituierendes und Konstituiertes zueinander: Der Körper ist die Art und Weise wie sich der Leib bei der Selbstbetrachtung zur äußerlichen Erscheinung kommt. Der Leib selbst wird dabei als (freilich nicht scharf begrenzte) unmittelbar empfundene, dynamische gestalthafte Ganzheit empfunden, die sowohl als Vorgegebenheit als auch als (in Grenzen) frei bewegliches Handlungs- und Kommunikationsorgan erfahren wird. Zudem ist mit dem Leib die Qualität der ‚Meinigkeit‘ verknüpft, die nicht nur eine notwendige Voraussetzung für Selbstbewusstsein darstellt, sondern zudem auch den eigenen Körpern zum eigenen macht und von anderen (nichtmeinigen) Körpern unterscheiden lässt.

Die Fundamentalanthropologie versucht zudem ein vom Leib/Körper, dem Erleben und den geistigen Akten (Denken, Imaginieren, Erinnern etc.) unterschiedenes Ich (Subjekt des Subjekts) aufzuweisen, das als geistig-voluntatives Zentrum zu verstehen ist und als Vermittlungspunkt von mentalen Phänomenen und dem Leib/Körper fungiert: Es ist das Ich, das denkt und handelt (leiblich agiert), und welches wiederum von mentalen und ‚somatischen‘ oder auch Gegebenheiten der Umwelt affiziert wird und hierauf individuell reagiert. Das Ich verhält sich dabei zum Gehirn wie der Leib zum Körper. Das Ich ist das Original, das Gehirn dagegen nur die im leiblich bedingten Wahrnehmen gegebene Erscheinung des Ich in der je eigenen Umwelt. Eine interessante Frage, die sich in Bezug auf das Ich stellt, ist die nach seiner Identität: Da Einiges dafür spricht, dass das Ich eine gewisse Plastizität und auch Korruptibilität aufweist, andererseits aber das Ich faktisch mit ‚mir‘ streng identisch ist und sich auch als solches über die Zeit hinweg durchhält (das Ich somit nicht ein Anderer wird), könnte es sein, dass es einen vielleicht nicht notwendig unzerstörbaren, aber doch reellen Identitätskern des Ich gibt.

Der Mensch erweist sich aus fundamentalanthropologischer Sicht alles in allem als ‚großer‘ Mensch. Das bedeutet: Er ist gleichermaßen das Subjekt seiner Umwelt (die ein wesentliches Moment seines Seins ausmacht) wie seines Leibes, seines Körpers und seiner geistigen Akte. Bewusstsein im Sinne von Erleben ist damit kein Epiphänomen des Gehirns und im Gehirn lokalisiert, sondern umgekehrt sind alle somatischen, leiblichen, mentalen und mundanen Phänomene ‚Inhalte‘ des je eigenen Bewusstseins. Und das gilt auch vom Gehirn als einem möglichen empirischen Gegenstand. Das Bewusstsein ist also kein vom Gehirn hervorgebrachter Weltinnenraum, sondern die Präsenz von Selbst und Welt für je ein bestimmtes erlebendes Subjekt (Ich). Und das Gehirn ist nur eine mögliche Erscheinung und kein Ding an sich. Somit vertritt die Fundamentalanthropologie ein radikal nichtnaturalistisches und nichtdualistisches Menschenbild. Sie beschreibt den Menschen vielmehr als strukturelle und dynamische Einheit, die sich aus dem Zusammenspiel der sechs Anthropoialien ergibt.

 

 

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